Geschichten und Geschichtchen über einen Trakehner auf www.rittmeier.org

Von der Koppel bis zur Kapriole...

...heißt ein Klassiker der Reitlehre. Bis zur Kapriole wird es hier nicht gehen. Aber mit "Von der Koppel..." fängt es immer an. Ich darf vorstellen: Bluegrey... oder so richtig nach "Papieren" heißt er Bernhard. Seinen Weg von der Koppel unter den Sattel will ich für Freunde skizzieren.

Die Reihenfolge der Seite ist umgekehrt chronologisch. Heißt: das Neueste steht oben....

Samstag, 26. Oktober
Mal was anderes.. Gelassenheit trainieren. In die Longierhalle kommt eine große Folie. Ich lauf vorweg und Bluegrey hinterher. Ui, kann der schnauben. Vor er Bahne ist erstmal Schluss. Keinen Millimeter, meint er.
Nein, nein, nein.
"Komm noch ein Schritt."
Auf deine Verantwortung.
"Na, komm..."
Zwei Hufe stehen auf der Plane.
"Ach, komm..."
Wie im spanischen Schritt schreitet er über das Plastik. Danach ist das Eis gebrochen... Kein Problem mehr...

Montag, 21. Oktober
Indian Summer... (Altweibersommer hört sich wirklich dämlich an). Er macht sich gut der Blaugraue. Im leichten Trab und selten aussitzend über den Platz. Über uns ziehen trompetend Kraniche in langen Schnüren kreuz und quer über den Himmel. Sie wissen noch nicht recht, ob sie sollen oder nicht. Ich würde Bluegrey ja lieber mehr aussitzen. Aber es ist zu früh. Also weiter in dem von mir nicht so sehr geliebten leichten Sitz. Es ist ein Vergnügen. Bluegrey: You made my day.

 

Montag, 6. Oktober
Ich war mal wieder etwas schreibfaul - Entschuldigung.
Heute war ein wunderschöner Oktobertag. Und genau so schön das Training. Bluegrey tritt wunderbar unter. Er hat einen imponierenden Schritt. Er kaut, kommt an den Zügel. Wirklich schön.
Abend koche ich das erste Mal in diesem Jahr eine Kürbis-Orangensuppe und weil ich schon nach dem Rezept gefragt wurde, hier das Rezept:
Kürbis – am besten Hokkaido 1,5-2kg

Frühlingszwiebeln,

etwas Öl

etwas Brühe

1 l Orangensaft (Direkt)

Orangenschale

Viertelliter Kokosmilch

Currypaste

Frische Chili

Frisches Koriandergrün

Ingwer

Salz

Zucker

Schmand


Garnelen


Kürbis achteln, entkernen, im Backofen 20 Minuten (von der Größe abhängig) gar backen
Zwiebeln in Öl kurz anbraten, mit Brühe löschen, klein geschnittenen Kürbis (bei Hokkaido mit Schale, sonst ohne) hineingeben, pürieren, immer mehr Osaft hinzugeben, Chilli klein schneiden und hinzugeben aufkochen lassen, Kokosmilch hinzu geben, Currypaste nach Gusto, Ingwer und Orangenschale hinein reiben, salzen, ordentliche Prise Zucker, Koriandergrün…

Schmand um es „runder“ zu machen (und den Esser auch) Garnelen kurz mitkochen.


Samstag, 20. September
Der eine oder die andere wird sich erinnern. Bluegrey ist ein Zwilling. Einer von diesen urs seltenen Fällen, dass beide überleben. Deshalb hieß er ja mal Bernhard. Und seine Zwillingsschwester Bianca. Und das ist sie - übrigens auch mit einem neuen Namen  - "Bergkadi". Eine Kombination aus dem Namen der Mutter Bergsee und dem Namen des Vaters Elkadi. Sie steht bei Familie Pietz in Schleswig-Holstein. Ebenso wie Bluegrey ein Roan. Während der Blaugraue ein Braunschimmel ist, ist Bergkadi Rotschimmel.





                                                                                      



                                                                                                                                                 Foto: Merle Pietz
 


  Freitag, 19. September
Gestern wieder Training... diesmal wieder im Schritt. er läuft leicht, gewöhnt sich an die Gerte. Heute bin ich später dran und die Longierhalle ist besetzt. Reitunterricht mit kleinen Schülerinnen, die breit grinsend auf der Oma von Bluegrey, Bergfeuer, ihre Runden ziehen.

Ich setze mich eine Stunde in die Box des Blaugrauen. Er mümmelt sein Heu und beobachtet mich. Was soll er auch tun, ich mache das Gleiche, mal vom Heumümmeln abgesehen. Irgendwann stehe ich auf, schaue aus der Box und spüre, wie er mir seine Nase in den Nacken legt und ganz leicht schubbert, dann kommt sein Kopf vor und legt sich auf meine Schulter. Ich weiß nicht mehr, wer von uns beiden zufriedener schnaubt. Ganz leise. Die Septembersonne färbt den Himmel orange. Minutenlang stehen wir da und gucken. Wenn Glück eine Definition braucht, dann ist es ein solcher Moment.

Sonntag geht es nach Schneverdingen zum Fohlenmarkt. Klaus Marggraf will Lavido anbieten. Mal sehen, ob Fussel, wie der Kleine inoffiziell heißt einen Käufer findet. Ein tolles Pferdchen. Kompakt, kraftvoll, neugierig und schmusig. Ich mag den.












Foto: Jennifer Petersen
Mittwoch, 16. September
Wieder zurück geht es mit dem Training weiter. Nach Longieren und Schritt gehen wird jetzt leicht getrabt. Die Gerte ist für ihn trotz allem Vortraining noch etwas ungewohnt. Er zuckt bei fast jeder Berührung. 
Trotzdem: es wird langsam und mit Geduld. Für ihn und für mich.
Mittwoch, 10. September

Langsam wird der Rücken aufgebaut. Die Muskulatur und vor allem die Bänder gestärkt. Durch allmähliches Gewöhnen an den (nicht leichten) Reiter. Also immer fein im Schritt über den Platz. Das ist zwar nicht lustig, aber notwendig. Gleichzeitig versuche ich ihn "an den Zügel" zu bekommen. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. "Wie zwei Holzstöcke müssen die Zügel mitgleiten," beschreibt Klaus Marggraf das. Na ja. manchmal sind es zwei dünne Holzstäbchen. Englisch reiten gibt es, iberisch... ob es auch chinesisch gibt? Die Halsmuskulatur soll sich aufbauen und die Kammmuskeln. Das ist das Ziel.

In den nächsten Tagen werden wir dem nicht näher kommen, ich bin für ein paar Tage in Berlin. Aber dann...

  Sonntag, 6. September
Ein wunderschöner Septembersonntag. Pitzi lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Katzenglück: Sonne auf dem Bauch, ein voller Fressnapf. Mäuse, die einen in Form halten und Menschen, die einen kraulen und Dosen öffnen können. That's it.
Bluegrey genießt momentan ein Rückentraining. Etwas longieren und dann auf dem Platz einen großen, schweren Reiter im Schritt tragen. Aber der Bursche hat Kraft und Kondition ohne Ende. Eine dreiviertel Stunde steckt er weg. Langsam soll er sich an das Gewicht gewöhnen, die Rückenmuskulatur aufgebaut werden, die Bänder sich dehnen. Eine Freude ist, wie er den Zügel annimmt. Ganz leicht spielen, ohne Zug, und er kommt an den Zügel. Sehr schön.
Grandioser Erfolg: Die Fohlen Chevallier und Le Grand haben die Plätze zwei und drei beim Fohlenchampionat in Graditz belegt. Da kann Klaus Marggraf stolz sein. Ist er auch.
 Samstag, 23. August.
Erwischt. Ja, ich red mit meinem Pferd. Ständig. Er ja auch mit mir. Also, zugegeben, ich behaupte, meine Themen sind spannender. Er sieht das anders. Aber so ein gemeinsames Schnauben beruhigt schon.
Seit dem Fohlenbrennen ist viel geschehen. Wir mussten aufräumen... dann mussten wir noch aufräumen, ja und dann aufräumen. Zwei Fohlen mussten daran gewöhnt werden, geführt zu werden. Außerdem galt es die Homepage von Terra Nova auf Vordermann zu bringen und gleichzeitig ein Seminar vorzubereiten. Aus letzterem Grund wird es in der kommenden Woche keine Neuigkeiten geben. Ich bin im Süden unterwegs und schule in Sachen Kommunikation.
Ich bin ja trainiert. Eigentlich könnte ich den Blaugrauen mitnehmen, als Co-Trainer.

Foto:Van Dyke
 


 Montag, 11. August
Es zischt – es kneift – und schon ist alles vorbei
Das kleine Trakehnerhengstfohlen staunt nicht schlecht, als der Züchter Klaus Marggraf (ganz rechts) und Johannes Achtmann ihn greifen und ihm Ingo Wendt von der Brennkommission das Brandzeichen aufdrückt. In Sekunden ist alles vergessen und er steht wieder an der Seite seiner Mutter Mona Lisa. 270 Pferdesüchtige trotzten am Sonntag dem Wetter und kamen zum größten Fohlenbrand der Trakehner in den neuen Bundesländern. Selbst aus Belgien und Russland zog es Züchter nach Crivitz, um die 18 neuen Trakehner zu begutachten. Das Ergebnis: Ein sehr guter Jahrgang bei den edlen Warmblütern.
Bluegrey präsentiert sich auf der Geburtstagsfeier von Elkadi ganz ruhig, lässt sich nicht vom Applaus stören. Es war ein tolles - wie sagt man neudeutsch? - Event.

Freitag, 8. August
Damit das auch mal gesagt ist: Teilweise hat der Blaugraue ein dickeres Fell als ich. Auf dem Gestüt geht es zu wie in einem Bienenstock: Traktoren glätten den Boden, LkWs bringen Erde, Rasenmäher machen das, was ihr Name sagt und Bluegrey zieht seine Runden. Zwischendurch hört man Menschen auf dem Hof rufen. Und es ist ein komisches Ritual: Rufen... immer gefolgt von einem "Wa-ha-ha-s?"  - klar, man kann nichts verstehen bei dem Lärm - und dann ein "Kom' ma". Und der Trakehner zieht seine Runden, nur manchmal schneller werdend, wenn der Rasenmäher näher kommt. Er bleibt ruhig stehen, wenn ich mich in den Sattel ziehe.

Noch ein kleines Stück aus der Elkadi-Rportage:

Nach der Wende kommt Manfred Czylwiks beziehungsweise seine Familie zurück. Sie suchen Erben der Elba und beginnen wieder mit der Trakehnerzucht.

Der Hengst Elkadi aber geht – fast zwanzigjährig - nach Crivitz auf das Gestüt Terra Nova von Klaus Marggraf. Mehr als fünf Jahre deckt er die Stuten und zeugt menschenbezogene Pferde, die ihren Reiterinnen und Reitern Freude machen. Dieses Jahr wird der Hengst 25 und geht aus der Zucht. Zwar ist er noch willig, aber Stuten sind groß und als alter Herr ist es schon schwierig, da drauf zu springen. Also erfreut er sich am Anblick junger Stuten, wiehert, flemt und frisst sein Gnadenbrot.


Donnerstag, 7.August
Oops.... hab ich doch vorgestern einen Zeitsprung gemacht und den Juli "wiederbelebt". Okay... es war der 5. August....Apropos Fehlerteufel... Wir haben gestern das Programmheft für das Fohlenbrennen zusammengelegt, geheftet und gefaltet. Und natürlich ein paar kleinere Fehler entdeckt... Sh... happens. Das Training fiel aus, stattdessen war "Hufe machen" angesagt. Pediküre... Hier der dritte Teil der "Elkadi-Reportage":

"Mit dem Wald – das wurde zur Übung, ein paar Tage später kam die russische Armee. Wieder verschwanden die Stuten im Wald. Erst dann beruhigte sich die Situation und die Familie bekam ein Stück Neubauernland. „Aber der Boden war so schwer. Das konnten unsere Pferde nicht.“ Trakehner sind schon zu diesem Zeitpunkt „hoch“ gezüchtete Tiere. Ihr Knochenbau ist wesentlich zierlicher, leichter als der von Kaltblütern. Also wurden Elba und Edelweiß getauscht – gegen schwere Kaltblüter, mit denen die Czylwiks den Boden pflügen können. „1953 bin ich dann abgehauen. Allein.“ Zwanzig war er da. Zurück blieben die Familie und die Trakehner. 1954 wird Elba auf der AGRA in Leipzig präsentiert. „Typvoll“ sei sie, heißt es dort. „Zuverlässig“. Die junge DDR hat die Trakehner im Norden zu einer Gen-Reserve auf Gut Vorderbollhagen beziehungsweise in Ganschow zusammengezogen. Der neue DDR-Brand mit dem die Tiere gekennzeichnet werden – ein Pfeil durch eine geschwungene Linie – bekommt ein „T“ für Trakehner, um ihren besonderen Status zu unterstreichen. Der Stutenstamm der Elba wird in Ganschow gehegt und gepflegt. 1983 wird ein Hengstfohlen geboren. „Elkadi“ wird es getauft. Bei seiner Körung – also der „Offiziellen Ernennung“ zum Hengst - wird er in das Landesgestüt Neustadt/Dosse verkauft und verdient sich seinen Hafer als „Landbeschäler“ – was heißen soll: Er deckt Stuten. In Calvörde, wo er stationiert war, heißt es: „Er hinterlässt hier zahlreiche Nachkommen, die sich durch hohe Leistungsbereitschaft, bestem Umgang und Zuverlässigkeit auszeichnen.“ Da kommt wohl das Erbe der Elba und die Leistungsbereitschaft seines Vaters durch, dem Hengst Trafaret – ein in Kirow in Russland aus den Erben Trakehnens gezogenes Pferd. Springbereit seien die Pferde, die Elkadi zeugt. Viele Jahre rekrutieren sich die Springpferde der DDR – so selten sie waren – und nach der Wende die Sachsen-Anhalts aus seiner Nachkommenschaft. 1998 errechnet der Trakehnerverband, es seien unter den hundert besten Springvererbern aller Rassen zwei Trakehner, die bedeutend seien. Caanitz und Elkadi. "

Dienstag, 5. August
Auf Terra Nova wird gestrichen, der Boden wird planiert, die Terrasse wird weiter gebaut... Das Fohlenbrennen wirft seine Schatten voraus. Apropos Schatten... hoffentlich macht uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung.... Bluegrey beobachtet das Ganze mit der ihm eigenen Ruhe. "Einen Lärm machen die... unmöglich, in der Zeit könnten sie uns doch Äpfelchen bringen oder Möhren!" Beim Training hat er seinen Rhythmus wiedergefunden. Und: Er bleibt fast immer stehen, wenn ich den Fuß in den Steigbügel stelle und mich hochziehe. Gut... fast immer. Wie die Reportage weitergeht? Ach so...

"In der ersten Etappe ging es nur bis Sensburg, etwa hundert Kilometer von Markau entfernt. Dann Weihnachten 1944 war klar: Der Krieg war verloren. Sie verluden die Pferde und die Wagen auf die Eisenbahn. „Das Ding stand mehr, als es fuhr. Immer wieder Bombenangriffe.“ Bis irgendwo hinter Pommern sind sie auf Schienen gefahren. Aber die Rote Armee kam immer näher, also: Pferde wieder angespannt und auf Feldwegen weiter bis Stettin. Alles im Winter. Alles in eisiger Kälte. „Das war die schlimmste Zeit.“ Erinnert sich der damals 12jährige. Im März erreichten sie Schwerin. Auf dem alten Garten standen sie, holten sich ihren Treckschein – Verwaltung musste sein beim Untergang. Dann ging es weiter bis Rankendorf. Da war für sie der Treck zu Ende. Opa August hatte entschieden zu bleiben.

In Rankendorf bewohnten sie ein Zimmer im Keller des Guthauses. Rechtzeitig versteckte Vater Czylwik die Stuten im Wald, denn die Wehrmacht kam und requirierte Pferde, die beiden Wallache nahmen sie mit. Drei Stuten blieben ihnen. Nicht viel. Edelweiß hieß die eine und ihre Tochter Elba - von einem Vollblüter gezogen, an den Namen der dritten erinnert sich Manfred Czylwik nicht."

 Montag, 4. August
Der Vater von Bluegrey -Elkadi- ist 25 Jahre alt. Grund genug, ihn beim Fohlenbrennen am 10. August zu ehren. Im Vorfeld erscheint ein Artikel über den Trakehnerhengst in der Schweriner Volkszeitung.
Hier schon mal ein als Appetit-Häppchen der Einstieg....
Jeder Mensch ist Teil der Geschichte. Irgendwie. Seiner eigenen – selbstverständlich. Aber irgendwie auch Teil dieser großen, also der ganz großen - der Weltgeschichte. Irgendwie. Und wenn es noch so seltsam anmutet: Tiere sind Teil der Geschichte. Auch irgendwie. Zum Beispiel Elkadi II, der Trakehnerhengst, der auf einem Gestüt bei Crivitz steht. In ihm steckt ein ziemlich großes Stück Geschichte, vom Krieg, von der Flucht aus Ostpreußen, von den zwei Deutschländern, von der Vereinigung und dem Heute.

„Das ging ja schon im August ´44 los. Da wurde im ganzen Kreis das Vieh zusammen getrieben und ab Richtung Westen.“ Der 75jährige Manfred Czylwik kneift das rechte Auge zu, wenn er erzählt, mit der Hand zeigt er in die Himmelsrichtung. Er war dabei. Damals in Markau, in Ostpreussen. Er war gerade zwölf, als „es losging“. „Die Kühe brüllten, sie wurden ja nicht gemolken. Die Euter waren blau.“ Vier Wochen waren sie unterwegs, um die Rinder in den Westteil des Landkreises zu treiben. Dann kamen sie zurück und fanden den Hof verwahrlost vor. „Da hatte die Wehrmacht gehaust. Die Federn des Geflügels flogen rum, die Schweine waren tot. Die wollten noch mal zum ‚Endsieg’ rausrücken, aber das wurd ja nix mehr, “ Czylwik grinst ironisch. Bis Oktober hätten sie dann weiter gewirtschaftet, erzählt er. Die Ostfront hatte sich etwas stabilisiert. Dann am 22. Oktober kam der Befehl: Hof verlassen, fliehen. Oma, Mutter, Vater, vier Kinder und zwei russische Zwangsarbeiter machten sich mit den anderen aus dem Dorf auf den Weg. Die Russen Ivan und Tanja zogen mit, weil sie Angst hatten, von der Wehrmacht „aufgeknüpft“ zu werden. „Das taten die, das hab ich gesehen.“ Czylwik nickt. „Im Planwagen die Familie. Auf dem Leiterwagen die Russen und der ganze Krempel.“ Fünf Pferde hatten sie noch. Zwei Wallache und drei Stuten.

So geht sie los... die Geschichte...
Samstag, 2. August
Gestern hatte Bluegrey Gelassenheitstraining hoch drei. Longieren während auf dem Hof zwei Traktoren arbeiteten, Klaus Marggraf neben der Halle in fünf Meter Höhe mit einer Plastikbahne hantierte und ein Gewitter dräute und grummelte. Kein Wunder, dass der Trakehner zwei, drei Mal auf den Arm wollte. Aber im Prinzip hat er sich tapfer geschlagen. Ein bisschen geschnaubt, ein bisschen schneller als sonst gelaufen, aber das war es.

Und so sieht das aus, wenn ein Pferd tragend ist. Die Ultraschallaufnahme zeigt eine Follikel im Bauch von Holiday von Tanzmeister II. Die Stute ist von Domhardt tragend. Der schwarze Fleck ist der Follikel und das weiße Etwas davor das Embryo mit der Nabelschnur.
 
 Freitag, 1. August
Bluegrey bekam Besuch von einem Herrn Manfred Czyllwik. Das wäre ja vielleicht nichts Besonderes, denn hin und wieder kommen Leute und gucken sich den Trakehner an. Aber hier ist die Geschichte zu Besuch. Manfred Czyllwik war zwölf Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Ostpreussen floh. Mit einem Leiterwagen, einem Planwagen, der ganzen Familie und fünf Pferden. Eines war Elba. Und das ist die Ur-ur-ur-urgroßmutter von Bluegrey.
Mittwoch, 30. Juli
Mal wieder ein Bild vom Longieren. So sieht er jetzt im Trab aus, der Blaugraue. Die Longe wird hier durch den inneren Trensenring über den Kopf zum äußeren Trensenring geführt und dort eingehakt. Das hat zweierlei Effekte: Zum einen wird bei leichtem Zug das Pferd angeregt, dagegen zu drücken, es rollt sich also nicht ein, sondern arbeitet nach oben. zum anderen wird nicht direkt auf das Gebiss eingewirkt.
Wie auch immer, Bluegrey arbeitet seinen Weidebauch wieder ab.
 


Dienstag, 29. Juli
Am frühen Morgen durfte ich wieder Donja reiten. Mal im Ernst: Ein  braves Gemüt, die Dame. Zwölf ist sie. Sie wirkt ein wenig - wie soll man sagen? - temperamentfrei.... eher so beamtenmäßig, hm... Sie macht genau das, was man ihr sagt. Keinen Deut mehr, keinen weniger. Ich bin froh, mal wieder auf einem Pferd zu sitzen, das eher mir was beibringt. Wie das mit dem Beamtengemüt zusammenpasst? Ganz einfach: es gibt auch verbeamtete Lehrer, oder? Im Ernst: Ein gutes Pferd.
Am Abend wieder Training mit dem Blaugrauen. Ach, er ist auch ein Lieber. Nur halt acht Jahre jünger und mit einem Riesenlernbedarf. Den Steigbügel kann ich jetzt schon viel mehr belasten, ohne dass er sich rührt.

Montag, 28. Juli
Mecklenburg trägt zu Recht den Beinamen "Toskana des Nordens". Es sind 32° Grad im Schatten. Ein leichter Wind mildert die Hitze. Offen gestanden: Mein Klima. Trotzdem: An ein Training ist vor 17 Uhr nicht zu denken. Der Hallenboden wurde mit Wasser besprengt. Es lässt sich aushalten. Bluegrey hält es aus. Zwölf Minuten auf jeder Hand im Schritt und Trab. Das geht, findet auch er. Anschließend ein wenig Bodentraining. Das Folgen, das Halten, das rückwärts gehen. Gleichzeitig trainiere ich ihn, stehen zu bleiben, wenn ich den Fuß in den Steigbügel stelle und ihn belaste. Das geht ansatzweise, muss aber noch trainiert werden.

Im Moment bereite ich den "Katalog" für das Fohlenbrennen am 10. August vor. Dabei fällt auf: Das Weihnachtsfohlen hat überhaupt noch keinen Namen. Klaus Marggraf ist bei Fohlen in der Frage locker. Getreu dem Motto: "Wenn es jemand kauft, dann vergibt er eh einen neuen Namen, nicht wahr, Bernhard?" Trotzdem, ein Name mit "T" müsste her, ich wäre ja für Terrorist, steh aber allein da. Dabei gibt es soviele Namen mit "T":Tibor Tufan Theobald Taher Thorwald Tankred Theodoros Tihomir Teoman Tolga Turhan Tugay Theodorus Talat Tahar Thom Tarek Tahir Thees Tan Tjalf Timmy Tjard Tomo Tolgahan Thimo Theophil Thaddäus Torbjoern Thilo Tayfun Tiemo Theofilos Tuan Tamim Timor Tudor Tamer Turgay Tariq Tugrul Turgut Terence Taha Türker Tareq Tahsin Tursun Tyll Taskin Taoufik Talal Tilman Teodor Tamin Timucin Tarkan Teja Theocharis Tansel Tammo Tamas Theofanis Tayfur Tadeusz Thaddaeus Talip Thor Tefik Tekin Taras Tewes Tony Trevor Thibault Thiemo Tadeus Tunc Thorbjoern Tomislav Taylan Traugott Tacettin Thorleif Tarik Tjorben Tao Takeshi Tigran Tuerkan Todor Teddy Tjerk Turan Takashi Themistoklis Toru Timur Temel Tanju Thoma Toufik Tuncay Tevfik Terry Ties Traore Tuncer Thiess Tsutomu Taner Thierry... Da muss doch was dabei sein....


Sonntag, 27. Juli
Ich gestehe: Ich bin fremd gegangen. Ja, ich bin auf einem anderen Pferd geritten. Auf einer Oldenburger Stute namens Donja. Sie gehört Monika - einer Freundin. Die hatte ein Herzerbarmen und ließ mich, damit ich nicht ganz und gar aus der Übung komme, ein Stündchen reiten. Das werden wir jetzt öfter machen, bis Bluegrey wirklich zu reiten ist.

Das Longentraining ist wieder aufgenommen und der Blaugraue benimmt sich gut, ein wenig steif noch, aber das gibt sich.

Samstag, 26. Juli
Er hat sich wieder eingewöhnt. Beim Putzen ist er zwar etwas unruhiger als vor drei Wochen, abergenießt es trotzdem. Anstandslos gibt er die Hufe zum Reinigen. Dann folgt das erste Training nach der Pause. Leichtes Longieren - zehn Minuten auf jeder Hand im Schritt und Trab. Auf der rechten Hand sagt er deutlich: "Das mag ich nicht." Jede noch so kleine Unaufmerksamkeit nutzt er aus und dreht blitzschnell um. Da hilft nur Geduld und Spucke. Zum Ende noch ein kurzes Dominanztraining. Er folgt ohne Kontakt, hält und geht rückwärts auf Stimmkommando. Na, super, nichts vergessen.

Freitag, 25. Juli
So ein bisschen hat man den Eindruck, er weiß nicht wie ihm geschieht. Wir sind zu dritt und holen Bluegrey von der Weide. Eh er sich versieht, hat er den Strick am Halfter und es geht los. Der Weg führt durch die schmalen Gärten im Bürgerholz. Die Weide liegt etwas versteckt an einem Waldrand. Aber alles verläuft ruhig und ohne Probleme, nach ein paar Minuten steht er wieder in seiner Box und wird von seinem Nachbarn Mon Amour begrüßt.

Mittwoch, 23. Juli
Bluegrey muss sich noch gedulden.... nein, aus seiner Sicht muss es heißen: Bluegrey hat noch Schonfrist. Es wird wohl eher Freitag werden, bis er wieder von der Weide kommt. Ich beschließe, ein wenig Urlaub zu machen und besuche die Stuten auf der unteren Koppel.

Hier stehen die Damen, die schon gedeckt sind, beziehungsweise die, die nicht mehr gedeckt werden.

Fünf Schimmelstuten sind dabei. Schimmel sind ein Markenzeichen von Terra Nova. Der Elitehengst Marduc sorgte dafür und die Stutenfamilie der Lajana. Schimmel sind bei Reitern etwas umstritten, weil sie einen höheren Pflegebedarf haben. In der Geschichte waren es immer die Pferde der Götter: Sie wurden als erste geopfert, inspirierten aber auch die Kunst. Das Götterpferd Pegasus.... ein Schimmel... Einhörner... weiß. Monarchen wie Napoleon legten Wert auf Schimmel.

Schimmel in der Natur haben es nicht so einfach. Es passiert, dass einzelne weiße Pferde von der Herde gemobbt werden. Auf Terra Nova ist die Gefahr gering, gut ein Drittel der Tiere haben diese Farbe.


 
  
 Dienstag, 22. Juli
Der Sommer kommt zurück. Und mit ihm die Farben.
Auf der Stutenweide tummeln sich die elf Mütter mit ihrem Nachwuchs. Tummeln? Na, ja, in den ersten Minuten, dann kehrt Ruhe ein und gemütliches Grasen in der Julisonne.
Das Weihnachtsfohlen gebärdet sich etwas frühreif... Motette ist rossig und der kleine Mann probiert schon mal das Flehmen und Ausschachten.

Sonntag, 20. Juli
Kondor suhlt sich im Staub. Das ist nicht nur ein Ausdruck von Wohlgefallen, sondern sorgt gleichzeitig für einen Insekten- und Sonnenschutz... wobei er sich in diesen Tagen Sonnenschutz sparen könnte. Es ist kalt, regnet... aber es soll besser werden und vor allem wieder wärmer. Vielleicht ist das, was Kondor macht, ja eine Art Sonnentanz und es hilft?
 

 Samstag, 19. Juli

Der Blaugraue vergnügt sich auf der Koppel. Zu viert sind sie auf dem Areal. Kondor, Lamour, Celio und Bluegrey. Kondor treibt als Boss die Herde zu den Futterstellen und hat auf alles ein Auge. Lamour ist als Einjähriger noch nicht ganz ernst zu nehmen, hat aber gegenüber seinen Kumpeln einen Vorteil: Er hat sie noch, sprich er ist ein kleines bisschen hengstig.

Ein Pfiff überzeugt die kleine Herde: Der mit den Äpfeln kommt. Wahrscheinlich ist das mein "Pferdeindianername" - "Der mit den Äpfeln kommt".

Auf dem Foto: Bluegrey mit L'amour. Übrigens auch ein Elkadi-Sohn. Elkadis Geburtstag - eigentlich schon gewesen - wird am 10 August beim tradionellen Fohlenbrennen auf dem Gestüt gefeiert. Mit vielen Gästen, "Zeitzeugen", einer Ausstellung, mit Söhnen und Töchtern des Hengstes. Alles ist schon im Vorbereitungsfieber.

Kommende Woche wird die Weidekur für Bluegrey vorbei sein. Dann geht es wieder ans Training. Ob er sich schon drauf freut. Angesichts des Vergnügens auf einer Weide dem süßen Nichtstun zu frönen.... wahrscheinlich nicht.

Im Juli...
Nun gibt es wieder DSL. Zugegeben schon ein paar Wochen. Aber ich musste meine berufliche Website bauen…
(www.rittmeier-kommunikation.de) und außerdem steht der Blaugraue zurzeit auf der Weide. Er hat sich ein Remonteüberbein eingefangen. Nicht dramatisch, aber auch nicht schön.

Was ist in der Zwischenzeit passiert? Also: wir haben eifrig trainiert. Margarete ist Bluegrey häufig geritten und er hat sich mehr als passabel angestellt. Einmal gab es einen kleinen Zwischenfall. Ich trainiere ihn, neben einem Tritt stehen zu bleiben. Es war im Mai. Eigentlich alles wie immer. Nur mit einem Mal erschreckt sich der Trakehner und latscht voll in die kleine Treppe und scheuert sich die Fessel ein wenig auf. Ein paar Tage Ruhe waren da natürlich angesagt. Dann wieder Trainingsbeginn… ja und zwei Wochen später lahmt er etwas. Bei näherem Hinsehen: Ein kleiner Knubbel am Röhrbein. Der kann entstehen, weil das Pferd beim Laufen in der Runde den Huf gerade aufsetzt, aber sich ausbalanciert. Dadurch kommt Spannung auf den im Aufbau befindlichen Knochen des Röhrbeins und dort kann dann Kallus entstehen. Kallus ist Knochengewebe, das beispielsweise bei Knochenbrüchen entsteht. Das härtet ganz normal aus, ist aber ein kleiner Schönheitsfehler und solange es noch nicht hart geworden ist, kann das Pferd lahmen. Und Bluegrey hat das getan. Also hat er sich erst einmal eine dreiwöchige Weidekur verschafft.

Auf dem Hof selbst fiebert alles dem Fohlenbrennen im August entgegen. Elf Youngster gibt es… statt der erwarteten zwölf. Amira muss es sich irgendwann im Frühstadium überlegt haben und hat resorbiert, aber so getan, als sei sie schwanger. Hat ordentlich zugelegt, aber merkwürdig war: Sie wollte und wollte nicht eutern. Obwohl der erste ärztliche Befund im vierten Monat positiv war – die Untersuchung im Juli ergab: Nitschewo, nichts, nada, niente. Dicker Bauch vom Fressen.


 Das letzte Fohlen ist von Mona Lisa. Die anderen elf findet Ihr auf der Website des Gestüts Terra Nova.